"Die Klasse war dann auch auf meiner Hochzeit" - im Interview mit Herrn Kohlhaas

Herr Kohlhaas ist nicht nur Lehrer für die Fächer Mathematik, Physik und Religion, sondern auch seit fünf Jahren Realschulzweigleiter an der Jakob Grimm Schule. Im Interview haben wir mit ihm über seine eigene Schulzeit, schöne und schwierige Momente des Lehrer-Seins sowie über das Thema Selbstreflektion gesprochen.


Lieber Schleimer:in oder Klassenclown?

Oh – Schleimer:innen sind natürlich grundsätzlich schlecht, weil das oft diejenigen sind, von denen man dann eben enttäuscht ist, da sie zum Beispiel vom einen auf den anderen Tag in eine andere Richtung schauen, obwohl man sich so viel Mühe gegeben hat - das mag, glaube ich, niemand und man fühlt sich einfach betrogen. Dann ist mir jemand lieber, mit dem man mal angeeckt ist, aber dann grüßt er am nächsten Tag wieder und alles ist gut.


Wenn Sie sich zwischen Ihren Fächern entscheiden müssten - welches würden Sie nehmen?

Das geht eigentlich gar nicht. Meine Einstellung ist, dass ich gern alles miteinander verbinde – zum Beispiel Physik mit Religion. Viele können gar nicht verstehen, dass ein Mathe- und Physiklehrer auch Religion unterrichtet. Ich finde, man kann und sollte Fächer nicht voneinander trennen.


Jetzt geht es erst einmal um Ihr Leben als Schüler selbst. Wie waren Sie denn so?

So, wie ich heute auch noch bin (lacht). Ich meine, man verändert sich als Mensch im Nachhinein nicht mehr wirklich.

Man wird geprägt vom Elternhaus, von der Familie und man bekommt so einiges in die Wiege gelegt, was man nicht so einfach ablegen kann, auch wenn man es ablegen möchte.

Ich war schon immer der zurückhaltende Typ. Als Schüler, denke ich, war ich sehr diszipliniert, weil mir gar nichts anderes übrig blieb: Meine Mutter war nämlich selbst Lehrerin an der Schule und da hätte ich mir gar keinen Ausreißer erlauben können – ich war ja so ein Lehrerkind (lacht).


Wenn Sie heute nochmal Schüler wären, gäbe es etwas, das Sie Ihnen selbst als Lehrer sagen würden?

Dazu müsste ich mich selbst als Lehrer einschätzen und das ist ein ganz großes Problem: Sich selbst richtig wahrzunehmen. Deshalb gebe ich oft in Klassen in der letzten Mathe- oder Physikstunde einen Zettel mit Plus und Minus aus und bitte sie, aufzuschreiben, was ihnen gefallen hat und was nicht. Sie können dann ehrlich ihre Meinung äußern und dafür bin ich dankbar.

Natürlich fragt man sich nach jeder Stunde, ob man es gut oder schlecht gemacht hat und wie man sich verbessern kann. Aber was ich jetzt wirklich gut oder schlecht mache – das weiß ich nicht.


Denken Sie nach einer schlecht ausgefallenen Arbeit manchmal daran, dass es an Ihnen selbst liegenkönnte?

Ihr würdet jetzt wohl gerne hören, dass ich es nicht auf die Schüler:innen schiebe (lacht). Also grundsätzlich gibt es ein paar Regeln, die man befolgen muss, damit so eine Arbeit nicht schiefgeht.

Und meine Einstellung ist: Ich befolge diese Regeln, weil ich einfach fair sein möchte. Mit jeder Arbeit versuche ich, den Leuten ein faires Angebot zu machen - das heißt, es soll niemand bestraft oder überfordert werden.

So eine Regel ist in Mathematik zum Beispiel, dass ich als Lehrer drei Mal so schnell sein muss wie die Schülerinnen und Schüler. Wenn ich das dann so plane, habe ich keinen Fehler gemacht. Aber genau das sind solche Fehler, die man als junger und unerfahrener Lehrer manchmal macht – und dann liegt die Schuld wirklich vielleicht manchmal bei der Lehrkraft, das muss man dann auch zugeben. Aber wenn man das jetzt 30 Jahre gemacht hat, hat man seine Erfahrungen und seine Fehler gemacht und da behaupte ich jetzt von mir, dass ich es immer fair mache, weshalb es dann nicht mehr an mir liegt. Aber das wolltet ihr jetzt natürlich nicht hören (lacht).


Wollten Sie schon immer Lehrer werden?

Ich bin in den Beruf einfach so hineingerutscht. Natürlich macht man sich im Nachhinein noch Gedanken, was man anderes hätte machen können und man hat auch eigene Träume. Ich bin jemand, der gern handwerklich tätig ist - das mache ich unglaublich gern und könnte mir auch vorstellen, nur so etwas zu machen. Das hängt aber auch wieder mit der eigenen Entwicklung zusammen: Früher hatte bei uns jeder noch seinen eigenen kleinen Bauernhof und das fand ich toll. Das wäre mein Lebenstraum: Ein kleiner Bauernhof.


Was begeistert Sie am Beruf als Lehrer?

Als Lehrkraft wird man für seinen Beruf bezahlt – nicht schlecht, das muss man wirklich zugeben. Man bekommt aber auch eine andere Bezahlung - nicht in Form von Geld, sondern in Form einer positiven Rückmeldung durch Menschen. Es ist natürlich so, dass sich jeder Mensch freut, wenn ihm etwas Gutes gesagt wird. Und das ist eine Bezahlung, die man in der Schule sehr häufig bekommt. Deshalb macht dieser Beruf mir und auch den anderen Lehrkräften sehr viel Spaß.

Wenn man durch's Haus geht und jemand einfach freundlich zu einem ist, lächelt und „Guten Morgen, Herr Kohlhaas“ sagt – das ist einfach toll.

Wenn ich mit meinen Schülerinnen und Schülern kommuniziere, hat man also ständig eine Rückkopplung, die natürlich auch mal negativ sein kann und mich wieder herunterreißt. Und so ist das in dem Beruf eben: Ein ständiges Auf und Ab. Das ist zwar anstrengend, aber spannend - man muss dann auch mal kreativ sein.


Wie objektiv können Sie Ihrer Meinung nach Noten vergeben?

Das ist ganz schwierig. Es hängt alles mit einer gewissen Erfahrung zusammen, die man macht. Ich bin jetzt 30 Jahre dabei und da hat man schon vieles gemacht, aber auch vieles falsch gemacht – man möchte in dieser Zeit sein eigenes System entwickeln. Ich versuche immer noch, mein System zu vervollständigen.

Eine Bewertung ist letzten Endes immer subjektiv. Wichtig ist, dass es fair zugeht und ich den Jugendlichen Möglichkeiten schaffe, ein vernünftiges Ergebnis zu bekommen. Nach meiner Erfahrung ist eine Bewertung auch eine gewisse Bauchsache: Ich war als Schüler eher zurückhaltend, was aber nicht bedeutete, dass ich im Unterricht nicht aufgepasst hätte. Wenn ich heutzutage jemanden im Unterricht habe, der seinen Mund das ganze Jahr über nicht aufmacht, aber in schriftlichen Arbeiten sein Können beweist, warum sollte ich dem denn dann eine schlechte Note geben? Damit tue ich mich schwer. Deshalb ist das eine komplizierte Sache. Wenn mir Schüler:innen im Unterricht positiv oder negativ auffallen, notiere ich mir das. Solche Informationen sammle ich und daraus bilde ich dann eine möglichst gerechte Note.


Übersieht man als Lehrkraft manchmal absichtlich einen Fehler in einer Arbeit?

Nein, das wäre ja ungerecht - das kann man ja nicht machen. Und das würde, glaube ich, niemand mit Absicht machen.


Haben Sie eine bestimmte Routine beim Korrigieren von Arbeiten?

Wichtig ist, dass man es sofort macht (lacht).


Freuen Sie sich auch manchmal beim Korrigieren auf bestimmte Arbeiten?

Ja, auf jeden Fall. Gerade bei den Prüfungsarbeiten ist man natürlich großer Hoffnung.

Dann ist das auch für mich selbst eine Belohnung, wenn etwas Gutes bei rauskommt. Da freue ich mich in dem Moment, wenn das jemand gut hinbekommen hat.

Gibt es innerhalb Ihrer Fächer Themen, die Sie richtig gern unterrichten?

Ja, jede Menge: Es gibt so Stunden, auf die ich mich so dermaßen freue, dass ich sie halten darf. Andererseits gibt es aber auch gewisse Stunden, die noch nicht ausgereift sind - ich bin, wie gesagt, immer noch dabei, mein System auszuarbeiten.


Gab es eine Stunde oder Situation, die richtig furchtbar war?

Da gibt es viele. Also die in meinen Augen schlimmste Situation tritt eigentlich immer mal wieder auf: Nämlich, dass ein Schüler oder eine Schülerin zu dem, was man fordert, „Nein“ sagt. Und dagegen kann ich nichts tun. Was soll ich schon machen? Ich kann ein bisschen lauter werden, aber letzten Endes bin ich als Lehrer den Jugendlichen immer ausgeliefert und wenn sie nein sagen, kann ich nichts dagegen tun.


Gibt es Schüler:innen, über die Sie sich noch viele Gedanken machen oder auch welche, die Ihnen eher egal sind?

Nein, egal ist mir niemand. Hier in meinem Büro habe ich zum Beispiel Bilder von Schüler:innen hängen - da mache ich mir immer noch Gedanken drüber.

Wir sind ja Menschen und keine Maschinen.

Also sind Sie auch manchmal traurig, wenn Jahrgänge gehen?

Oh ja - das ist sehr traurig. Der Unterricht war immer angenehm und das muss man sich erst wieder mit anderen Leuten neu erarbeiten. Zu meiner allerersten Klasse habe ich noch heute ein ganz tolles Verhältnis - die Klasse war dann auch auf meiner Hochzeit.


Wie und womit verbringen Sie eigentlich Ihre Pausen?

Na gut, hier habe ich nicht viel Zeit und viel zu tun. Da versuche ich eben, den Kontakt mit den anderen zu halten und den Überblick zu behalten, weil es viel zu organisieren gibt. Wenn ich hier morgens die Tür aufmache, herrscht vor allem Dauerstress: Zum einen durch den Unterricht und zum anderen durch Probleme, die plötzlich aufkommen. Da bleibt nicht viel Zeit zum Essen und Trinken.


Bezüglich des Kontaktes zu den anderen Lehrkräften: Was geht in den Pausen im Lehrerzimmer ab?

Man versucht natürlich, sich ein bisschen auszutauschen und seinen Frust loszuwerden, wenn einem etwas nicht gefallen hat.

Jeder kämpft allein vor der Klasse und dann macht man da auch gute und schlechte Erfahrungen, die man im Lehrerzimmer einfach mal teilen möchte. Danach fühlt man sich immer besser und wohler.

Und so gibt es natürlich Gespräche über Schüler:innen, ist ja logisch.


Apropos Gespräche über Schüler:innen: Wird auch mal gelästert?

Lästern nicht. Man berichtet nur, was vorgefallen ist und dann kritisiert man natürlich auch mal das Verhalten eines Schülers oder einer Schülerin, aber das würde ich jetzt nicht als Lästern bezeichnen.


Was war Ihr schönster Moment als Lehrer?

Zu den schönsten Momenten gehört auf jeden Fall die Kinderschokolade mit meinem Gesicht drauf, die mir meine Schüler:innen vor zwei Jahren zu ihrem Abschluss geschenkt haben. Darüber habe ich mich total gefreut, weil das so unverhofft kam.


Vielen Dank für Ihre ausführlichen und ehrlichen Antworten.

Das Interview führten Calantha und Laura.