Fast ein ganzes Jahr - Schülerstimmen aus dem Distanzunterricht

Fast ein ganzes Jahr ist nun schon vergangen, seitdem wir alle das erste Mal mit den Konsequenzen des Lockdowns konfrontiert wurden. Fast ein Jahr, in welchem sich unser aller Leben wohl ziemlich stark verändert hat und wir von jetzt auf gleich viele Umstrukturierungen einfach so hinnehmen mussten, ohne unser Leben nach unseren eigenen Vorstellungen gestalten zu können. Fast ein Jahr, das von Schattenseiten, aber auch von einigen guten Seiten geprägt war. Wir haben Euch und Sie deshalb um eigene Erfahrungsberichte der letzten Monate gebeten und einige Rückmeldungen erhalten.


Vor allem für uns als Schülerinnen und Schüler war die Umstellung auf den Distanzunterricht und die damit verbundene Umgestaltung des Alltags eine große Herausforderung:


Es ist dennoch meine Jugend


In den ganzen Büchern liest man immer, dass mit 16 das Leben erst so richtig beginnt. Man geht feiern, betrinkt sich, begeht Fehler, tanzt, lacht, flirtet, weint, plant Ausflüge und hat einfach die Zeit seines Lebens mit seinen Freunden. Nicht ohne Grund werden die Jahre rund um die 20 als die besten deines Lebens angepriesen.


Bei mir wird es so wohl nicht kommen. Statt mit Freunden auf Partys zu gehen, sitze ich zu Hause und versuche verzweifelt, den Kontakt mit meinen Freunden aufrechtzuerhalten. Statt Ausflüge zum Schwimmbad zu planen, plane ich den hundertsten Filmemarathon durch und statt mit Jungs zu flirten, verkrieche ich mich in meinem Zimmer und schmachte die Schauspieler an. Vorher habe ich das alles auch schon getan, so ist das nicht, aber Corona nimmt mir die Entscheidung ab und zwingt mir meine vorigen Wahlen nun als einzige Möglichkeit auf.


Es steht nicht mehr in meiner Macht, mich gegen eine Party voller lauter, schriller Teenager zu entscheiden und stattdessen einen schönen Abend zu Hause zu haben. Und das führt dazu, dass ich es umso mehr möchte. Ich möchte rausgehen, ich möchte mich mit anderen Menschen treffen und ich möchte meine Entscheidungen über meine Wochenendunterhaltung selbst treffen, aber ich kann nicht. Und das macht mich fertig.


Letztes Jahr habe ich angefangen, in einem Café zu arbeiten. Und obwohl ich es normalerweise hasse, Smalltalk mit Fremden zu führen, hat diese Arbeit dazu geführt, dass ich angefangen habe, es zu genießen und sogar selbstbewusster zu werden. Auch in der Schule gab es bei mir endlich ein Hoch und mündlich kam ich auf einmal auf lauter Zweier - das alles hat mir Corona genommen.


Meistens versuche ich, mich mit irgendetwas abzulenken, zum Beispiel durch Sport, eine Leidenschaft, die ich im ersten Lockdown für mich entdeckt habe. Doch manchmal hilft das nicht und dann denke ich daran, was alles hätte sein können, wenn ich jetzt nicht zu Hause sitzen würde. Was für Erfahrungen ich sammeln würde, welche Menschen ich kennenlernen würde, welche peinlichen Momente dazukommen würden und welche Insider-Jokes meine Freundinnen und ich erschaffen würden.


Wenn ich so darüber nachdenke, dann werde ich ziemlich traurig, denn so hatte ich mir meine Jugend nicht vorgestellt.

Zu meiner Traurigkeit gesellt sich dann noch die Angst. Angst um meine Oma, meinen Opa und alle, die mir am Herzen liegen. Es sind viele Emotionen, die dann letztendlich zusammen kommen gepaart mit der Angst, durch die vielen Online-Aufgaben den Durchblick zu verlieren und das Abi nicht zu packen. An manchen Tagen wird es deshalb einfach zu viel. Dann verkrieche ich mich noch mehr in meinem Zimmer und habe den ganzen Tag schlechte Laune. Und obwohl ich weiß, dass meine Eltern ihr Bestes tun, um uns zu helfen, das zu überstehen, lasse ich meine Laune dann an ihnen aus. Weil ich dieser ganzen Gefühle überdrüssig bin und mein Zuhause dann auf einmal nicht mehr genug Platz zum Atmen zu haben scheint.


Doch es gibt auch positive Aspekte. Meine Angst, das Abi nicht zu packen, hilft mir dabei, meine Aufgaben konzentriert zu machen und am Ball zu bleiben, durch den Sport bleibe ich aktiv, durch die Angst, meine Familie zu verlieren, schätze ich die gemeinsame Zeit umso mehr und die viele Zeit allein kann durchaus auch entspannend sein.

Auch wenn es nicht so ist, wie ich es mir durch all die Bücher ausgemalt habe, ist es dennoch meine Jugend. Also versuche ich, das Beste draus zu machen und eben gerade jetzt mehr Zeit zu Hause zu verbringen, um dann später in der Lage zu sein, die Außenwelt zu entdecken. Schlimme Tage gehören nun mal dazu, doch versuche ich einfach, mich auf die Positiven zu konzentrieren, um nicht in einer endlosen Welle aus Mitleid zu versinken, denn letztendlich geht es uns allen wohl ähnlich.

Ronja, Q1



Menschen und Dinge, die mir wirklich wichtig sind…


Corona – natürlich ist diese Pandemie blöd. Es sterben viele Leute, die Maßnahmen schränken viele ein und auch ich habe das Gefühl, meine Jugend nicht richtig ausleben zu können. Aber auf der anderen Seite hat Corona mein Leben auch positiv verändert. Ich habe vielmehr über eigentlich alltägliche Sachen nachgedacht und habe diese viel mehr geschätzt. Generell hat sich meine Sicht auf viele Dinge geändert. Ein Auslöser dafür war auch, dass ich mal aus der Freundesgruppe in der Schule herausgekommen bin und dadurch auch viele Sachen selber hinterfragt habe. Das hat meine Sicht auf manche Sachen teilweise sehr verändert.


Als die Schule dann wieder angefangen hat, hatte ich dann eher mit anderen Leuten etwas zu tun, was aber auch nicht schlimm war, da sich andere Schüler auch sehr verändert hatten. Insgesamt habe ich mich also in der Pandemie sehr stark zum Positiven verändert, aber damit auch viele Freunde verloren, jedoch auch Neue dazu gewonnen. Die Pandemie hatte deswegen für mich auch positive Seiten, weil ich mich selber viel besser kennenlernen konnte und ich gemerkt habe, welche Menschen und Dinge mir wirklich wichtig sind.

Anonym




"Ich finde aktuell die Notenbewertung im Distanzunterricht ziemlich problematisch. Die Lehrer müssen unsere Leistungen irgendwie beurteilen, auch wenn das gar nicht so einfach oder umsetzbar ist. Bei uns ist es schon öfter passiert, dass wegen einer schlechten oder fehlenden Internetverbindung die Meldung eines Schülers vom Lehrer nicht gesehen wird, weil die Hand nicht hoch geht. Oder auch andere technische Gründe (das Mikrofon oder etwas anderes funktionieren nicht richtig) führen dazu, dass man nicht richtig am Unterricht teilnehmen kann und auch schlechter benotet wird."

Anonym



„Im Homeschooling geht es mir eigentlich ganz gut. Ich habe zwar viele Aufgaben und auch mehr als im normalen Unterricht, aber es ist noch erträglich. Ich habe zwar wenig Zeit, rauszugehen, aber das liegt nur an den Aufgaben.“

9. Klasse



„Mich nervt, dass ich die ganze Zeit zu Hause sein muss! Ich möchte auch gerne mal wieder in die Schule und meine Freunde sehen. Außerdem finde ich es schade, dass wir wahrscheinlich die ganze Zeit bis Ostern zu Hause sein müssen. Ich wünsche mir, wieder zur Schule gehen zu dürfen.“

Kate, 7. Klasse



„Ich würde mich im Online-Unterricht wohler fühlen. Die ganze Schule ist leer und trotzdem sind wir mit zwei Klassen auf einem Gang. Es ist fast nie ein Lehrer da, weil diese von Kurs zu Kurs pendeln müssen – wir lernen kaum etwas.“


Anonym (über Instagram)


„Es ist nervig, dass wir ab und zu nur einmal morgens eine Konferenz haben, die auch nicht besonders lang geht. Dadurch entsteht Langeweile und eine „Wut“, dass wir für nichts aufgestanden sind.“


Anonym (über Instagram)



„Einige Lehrer geben uns (10. Klasse) leider viel zu viele Aufgaben. Im Unterricht würden wir diese gar nicht schaffen.“


Anonym (über Tellonym)




Fast ein ganzes Jahr leben wir nun mit den Auswirkungen der Pandemie – Auswirkungen, die viele Spuren hinterlassen haben und von denen wir sicher auf einige hätten verzichten können: Der Schulalltag hat sich grundlegend verändert, wir sehen unsere Freund:innen nahezu nur noch digital und viele von uns wissen nicht einmal, wann sie wieder zur Schule gehen dürfen. Doch wo uns die Pandemie auf der einen Seite schlechte Erfahrungen machen lassen hat, haben wir dennoch gelernt, Dinge mit anderen Augen zu betrachten und sind uns selbst vielleicht sogar etwas näher gekommen. Für uns alle ist diese Zeit wohl nicht das, was wir uns erhofft hatten und doch haben wir die Möglichkeit, sie gemeinsam bewältigen zu können – also lasst uns das Beste daraus machen.



(Falls ihr wissen wollt, wie zwei unserer Lehrkräfte die Situation der letzten Monate bewerten, dann schaut morgen wieder vorbei. Der morgige zweite Teil wird genau dieses Thema aufgreifen.)

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