Mündliche Noten und Gerechtigkeit - die Antwort eines Lehrers

Juni 1999. Ich bin 18 Jahre alt und Schüler der zwölften Jahrgangsstufe der Jakob-Grimm-Schule Rotenburg an der Fulda. Ich bin der Nächste im Alphabet. Mein Geschichtslehrer gilt als anspruchsvoll. Vom Ehrgeiz angetrieben zweistellig (Note „gut“) bepunktet zu werden, habe ich in diesem Schuljahr ein Referat gehalten. Dafür habe ich eine Hitler Biografie von J. Fest gelesen. Das waren über 1.000 Buchseiten. Für die jungen Leserinnen[1] unter euch: Ich habe so viel gelesen, in demselben Zeitraum könnt ihr euch heute ca. 160 simpleclub Erklärvideos zu diesem Thema anschauen. Ich gehe also vor die Kursraumtür, um mir meine mündliche Note abzuholen. Ich erhalte 09 Punkte. Ohne Widerworte und mit Wut im Bauch gehe ich wieder in die Klasse. Als Nächstes wird Samy aufgerufen. Er hat sich aus meiner Sicht deutlich weniger als ich beteiligt und kein Referat vorgetragen. Samy kommt mit einem Grinsen in die Klasse zurück. Er hat 10 Punkte erhalten. Nachdem alle Schülerinnen und Schüler ihre Note bekommen haben, gehe ich nochmal vor die Tür. Ich sage meinem Geschichtslehrer, dass ich mich wesentlich häufiger beteiligt habe als Samy und dann noch dieses aufwendige Referat vorgetragen habe. Die Antwort des Lehrers: „Andreas! Das hätte ich jetzt von dir nicht erwartet! Samy verlässt in diesem Schuljahr die Schule. Ich habe ihm deswegen 10 Punkte gegeben. Ich bin enttäuscht von dir, dass du ihm das nicht gönnst.“ Ich gehe mit schlechtem Gewissen zurück in den Kursraum und sehe Samy weiter grinsen.

Als ich Lauras Klartext-Artikel mit dem Titel „Zu still = Zu schlecht?! – Die Wahrheit über mündliche Noten“ gelesen habe, musste ich an diese wahre Begebenheit denken. Die Frage nach der Gerechtigkeit von Schulnoten beschäftigte bereits viele Schülergenerationen vor ihr und hat nie an Aktualität verloren. Heute stehe ich auf der anderen Seite des Notenheftes und habe den Anspruch, Bewertungen transparent, weitgehend objektiv und gerecht vorzunehmen. Vier Erkenntnisse habe ich aus dem Prozess der Notengebung für mich gezogen.


1. Ich muss sowohl das Individuum als auch die Klasse im Blick haben.


Ich unterrichte jedes Schuljahr zwischen 150 und 200 Jugendliche. Ich begleite diese meistens über einen Zeitraum von mehreren Jahren. In dieser Zeit verschaffe ich mir nicht nur einen Überblick über den Wissens- und Leistungsstand der Schülerinnen, sondern lerne auch deren Charaktereigenschaften kennen. Da gibt es die Clowns, die Aufmüpfigen, die Streberinnen, die Schleimerinnen, die Dauerstörerinnen, die Klassenmuttis, die Stillen und, und, und. Ich nehme diese Individuen in ihren Unterschieden wahr und berücksichtige dies auch in der Benotung. So erhält die Dauerstörerin doch in vielen Fällen keine Fünf im Zeugnis, weil ich zwar den Einfluss des Charakters (laute Person, die Aufmerksamkeit braucht und deswegen stört) mit in die Bewertung einbeziehe, aber dennoch die Lernleistungen stärker bewerte, ja stärker bewerten muss. Bei einer stillen Schülerin ist mir bewusst, dass diese sich nicht von heute auf morgen zur Quasselstrippe entwickeln wird, daher gewichte ich die schriftlichen Ergebnisse stärker. Bei aller Berücksichtigung der Einzelcharaktere darf ich aber nicht den Blick für die Klassenkonstellation verlieren. Denn Stefan wird seine Note mit der von Mario vergleichen und ich muss beiden gut begründen können, worin ich den Unterschied sehe. Es entsteht zwangsläufig ein Klassenranking und jeder Schülerin muss ich ihre Note erklären können, auch in Abgrenzung zu Mitschülerinnen.

Lauras Wunsch nach stärkerer Berücksichtigung des Charakters bei der mündlichen Notenvergabe ist verständlich, hat jedoch auch seine Grenzen.


2. Ich bemühe mich, objektiv Noten zu geben. Es ist mir aber bewusst, dass mir dies nie zu 100 Prozent gelingen wird.


Ich habe die Schülerin, die sich oft meldet und wenig Richtiges sagt. Ich habe die Schülerin, die gar nichts sagt, aber schriftlich gut ist. Ich habe die Schülerin, die seit zwei Jahren in Deutschland ist, vieles weiß, aber wenig sprachlich gut ausdrücken kann. Ich habe Klassen, die sehr leistungsorientiert sind und Klassen, die keine Lust auf Schule haben. Ihnen allen gebe ich Noten, die aus weitgehend objektiven Bewertungskriterien entstehen und trotzdem können Noten nicht gerecht sein. Denn eine leistungsstarke Schülerin in der Nullbockklasse kann unter Umständen nur zum Mittelmaß in der leistungsstarken Klasse gehören. Die Zusammensetzung der mündlichen Note wird bei einer ruhigen Schülerin eine andere sein als bei einer Dauermelderin, weil ich bei der ruhigen Schülerin die schriftliche Mitarbeit stärker berücksichtigen werde als ihren Anteil an Wortbeiträgen.

Lauras Frage nach der Gerechtigkeit von Noten würde ich also so beantworten, dass die Notenvergabe immer ein stückweit ungerecht sein wird, aber eine Lehrkraft keinerlei Anreiz hat, es zum Nachteil der Schülerin auszulegen.


3. Schülerinnen fordern in diesem Schulsystem Noten ein. Diese Noten müssen ein reales Bild widerspiegeln.


Zu Beginn meiner Lehrerlaufbahn habe ich bei der mündlichen Notenbesprechung jeder Schülerin eine schriftliche Rückmeldung zu den Stärken und Schwächen gegeben. Am Ende des Blattes stand die mündliche Zwischennote. Nach der Stunde landeten die Rückmeldungen zu 60 Prozent im Mülleimer. Relevant war für die Schülerinnen nur die Note. Danach habe ich eine Zeitlang mündliche Notenbesprechung vor der Tür gemacht. Dabei bin ich auch auf Stärken und Schwächen eingegangen. In 60 Prozent der Fälle ging die Schülerin in die Klasse, rief die Note durch den Klassenraum und das Feedback verpuffte im Nichts. Jetzt teile ich nur noch Notenzettel (mit einem Kriterienraster) aus und biete Gespräche an. Zu diesen kommt es nur, wenn jemand nicht mit der Note einverstanden ist. Der Wunsch, ein Feedback zu erhalten, wird nur selten geäußert. Wenn ich Rollen-, Planspiele durchführen oder Reden bzw. Debatten halten lasse, ist eine der ersten Fragen: „Wird das benotet?“ Der Blick auf die Noten ist einem Schulsystem geschuldet, das einen Fokus auf den NC in den Schulabschlüssen setzt. Ein guter NC, so ist das Gefühl und in größeren Teilen auch die Realität, bedeutet gute berufliche Zukunftschancen. Die Noten sind also aus Schülerinnensicht das zentrale Rückmeldeinstrument. Hinter der Note steht aber immer eine inhaltliche Rückmeldung. Wer in einer Diskussionsrunde sich weder zu Wort meldet noch anschließend eine schriftliche Stellungnahme abgibt, kann als stiller Charakter nicht erwarten, dass die Note im guten Bereich liegt. Die Note muss die realen Verhältnisse widerspiegeln. Ich stimme Laura zu, wenn sie sagt, dass mündliche Noten nichts über die Intelligenz aussagen. Sie sagen etwas über den Ist-Zustand in einem Bereich des Lernprozesses aus.


4. Die Aufforderung zur mündlichen Beteiligung ist auch ein Aufruf zur Mündigkeit.


Als PoWi-Lehrer habe ich den Anspruch, aus Jugendlichen mündige Bürgerinnen zu machen, die ihre Meinung bilden, begründet äußern und verteidigen können. Unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaft hat große Themen zu bearbeiten. Wir haben Generationenkonflikte bei den Themen Rente und Klimawandel. Wir haben gesellschaftliche Konflikte bei den Themen Vermögensverteilung und Migration. Eine Gesellschaft braucht heute wieder stärker als in den Vorgängergenerationen junge Menschen, die in der Lage sind, zu kommunizieren, eine Streitkultur erlernt haben, die nicht nur auf „ist doch so“, „endlich traut sich das einer zu sagen“ oder „mir egal“ basiert. Eine Generation, die Fake-News sowie rechtsradikale Kommentare nicht nur erkennt, sondern diese auch sachlich widerlegen kann. Wenn ich also eine ruhige Schülerin dazu auffordere, sich mündlich mehr zu beteiligen, dann möchte ich nicht ihren Charakter ändern, sondern ihr Werkzeug der Kommunikation trainieren. Denn die Gesellschaft braucht ihre Stimme.


Im Juni 1999 war ich enttäuscht, dass ich eine aus meiner Sicht ungerechtfertigte Note erhielt. Mit über 20 Jahren Abstand verstehe ich meinen Geschichtslehrer. Er hat mir als Individuum nach Bewertungskriterien eine Note gegeben, die ins Klassenranking passt.

Er hat nicht mich bestraft, sondern Samy ein Abschiedsgeschenk gemacht. Er musste nach ähnlichen Erkenntnissen gehandelt haben, wie ich sie und sehr viele meiner Kolleginnen haben. Heute kann ich darüber grinsen, wie Samy damals über seine 10P. Ich wünsche jeder stillen Schülerin, dass sich dieses Gefühl nach ihrer Schulzeit auch bei ihr einstellt.



Herr Grunwald, Lehrer für Sport und PoWi an der JGS

[1] Aus Gründen der Lesbarkeit wurde im Text die weibliche Form gewählt, es ist jedoch die männliche Form mitgemeint.

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