Manipulation im Alltag - ist das Phänomen "Die Welle" möglich?


Die Gedenkfeier zum 75. Jahrestag des Ende vom Zweiten Weltkrieg fällt, auf Grund der Corona-Pandemie, leider ins Wasser. Trotzdem werden an vielen Orten auf der ganzen Welt heute Kränze niedergelegt und an alle Gefallenen und Opfer gedacht. Sei es von unserem Bundespräsident Steinmeier oder anderen Politikern. Vor allem unsere Generation kann sich diese nationalsozialistische Gewaltherrschaft und die Kapitulation Deutschlands nicht mehr vorstellen. Um euch, lieben Leserinnen und Lesern, aber mal einen Einblick in die Gedankenwelt zu verschaffen, haben wir an die Lektüre " Die Welle" aus dem Deutschunterricht angeknüpft. Klar soll vor allem werden, wie Menschen plötzlich auf andere Personen blind hören oder sich beeinflussen lassen. Und das muss nicht mal passieren, wenn sich Menschen in einer misslichen Lage befinden und nach der rettenden Insel suchen. Wie es zum Nationalsozialismus kommen konnte, versucht der Lehrer der "Welle" zu zeigen, leider rechnet auch er nicht mit den Auswirkungen und der psychischen Verfassung seiner Schülerinnen und Schüler.

Manipulation, häufig definiert als Beeinflussung im negativen Sinne, beschreibt ein undurchschaubares, geschicktes, oft auch hinterlistiges und geplantes Vorgehen, das sich auf das Erleben und Verhalten von einzelnen Individuen oder ganzen Gruppen, also Gemeinschaften, auswirken kann. Hierbei wird die Situation gezielt und verdeckt ausgenutzt, weil sich eine bestimmte Person, zum Beispiel einen Vorteil erschaffen möchte, meistens gleichzeitig auch einen Eigenprofit, also einen Gewinn, erhofft.


In der Lektüre „Die Welle“ ist dies möglich.


So behauptet Julia Grycz, Studentin an der Otto von Guericke Universität in Magdeburg für Psychologie und Bildungswissenschaft: „Der Einfluss von Mister Ross ist groß und er kann seine Schüler und Schülerinnen mit Leichtigkeit in die von ihm gewünschte Richtung lenken.“

So möchte Grycz auf die Rolle von Mister Ross hinweisen. Er wird als sehr bedeutend empfunden. Die Kinder erkennen ihn an und vertrauen ihm nahezu blind, da er für sie eine Art von Vorbildfunktion übernimmt. Ross stellt die Bezugsperson seiner Schüler dar und verfügt über die spätere, berufliche Laufbahn der Kinder. Um den späteren Erfolg zu sichern und die Anerkennung ihres Lehrers zu gewinnen, streben die Schüler zunächst gute Noten an. In der Welle zahlt sich diese Denkweise aus. Je mehr die Schüler Mister Ross vertrauen, umso mehr Einfluss kann er auf sie nehmen und umso mehr werden sie belohnt oder als bedeutender dargestellt. Wie bereits auf den ersten Seiten des Buches bemerkbar wird, ist Mister Ross sehr beliebt. Dadurch werden seine Anweisungen besser befolgt und seine Einflussnahme ist somit erleichtert. Auch mit Kritik können seine Schüler daher leichter umgehen. In der deutschen Filmfassung bedeutet besonders Tim das System der Welle viel. Er wünscht sich, der persönliche Leibwächter von seinem Lehrer zu werden und nimmt es dafür sogar auf sich, eine ganze Nacht allein, vor Ross‘ Hausboot, am Steg, zu schlafen. Der Film möchte veranschaulichen, wie schnell sich die Einflussnahme einer Autoritätsperson ins Negative wenden kann und gefährlich wird, obwohl der Anfang der Welle eigentlich aus einem ganz simplen Grund entsteht, wie folglich ersichtlich.


Das neue Thema von Ross‘ Schülern soll sich die nächsten Wochen um den Zweiten Weltkrieg und Deutschland in der Nazizeit drehen. Aber schon zu Beginn der Unterrichtseinheit wirft das Thema den Schülern Fragen auf: „Wieso gaben die Menschen nach dem Ende des Kriegs nicht zu, Nazis gewesen zu sein?“ oder „Warum verhielt sich das Volk so, als hätte es von dem Grauen in den Konzentrationslagern nichts gewusst und wieso verheimlichten zuständige, behandelnde Ärzte die schrecklichen Ereignisse in den Lagern?“ Mister Ross recherchiert daraufhin eine Menge und beginnt, zur Verdeutlichung, mit dem Experiment. Er führt neue Regeln und Grundsätze ein, wodurch ein Gefühl der Gleichheit entsteht. Die Schüler fühlen sich zugehörig und weiten die erlernten Grundsätze auf ihre Footballmannschaft aus. Mit der Zeit wird das Experiment unkontrollierbar und Mister Ross realisiert die Situation, da mehrere Schüler einen Jungen und Laurie zusammengeschlagen haben, aber sich auf die Welle zurückberufen. Als das Experiment beendet wird, sieht Tim, im deutschen Film, keine Perspektive mehr. Bevor er sich umbringt, verletzt er einen Klassenkamerad schwer, um ein letztes Mal seine Macht zu demonstrieren.


Aber auch im Alltag werden wir häufig, wenn auch unbewusst, von bestimmten Faktoren beeinflusst. Daher stellt sich die Frage: Gibt es seine derartige Manipulation im alltäglichen Leben des 21. Jahrhunderts und wie ist das überhaupt möglich?


Hierfür muss man sich, jeweils erst, mit den Regionen des Körpers beschäftigen, die von der Manipulation betroffen sind.

Das Gehirn ist die Steuer- und Schaltzentrale unseres Körpers. Im Vergleich zu Tieren, ist das Gehirn eines Menschen leistungsfähiger. Es besitzt die Fähigkeit zu denken. Kreativität, Sprache, Erinnerungen und Emotionen werden ermöglicht. In den ersten sechs Jahren eines Menschen beginnt die Vernetzung von Zellen im Gehirn, aus vielen, einzelnen Zellen wird ein großes Team. Dabei ist das Großhirn, mit fast 85%, der größte Bereich im Gehirn. Es ist zuständig für bewusstes Denken und Wahrnehmen.


Optische Täuschungen manipulieren diesen Bereich ausgezeichnet, bekanntestes Beispiel ist die „Mülller-Lyer-Täuschung“. Eine vertikale Linie mit wegweisenden Pfeilspitzen, die kleiner aussieht, wird neben einer Linie mit zulaufenden Pfeilspitzen abgebildet, welche deutlich länger erscheint. Unsere abgespeicherten Erfahrungen lehren: Weiter entfernte Objekte, die kleiner erscheinen, sind in Wirklichkeit größer, als nähergelegene Gegenstände, die ein genauso kleines Bild auf die Netzhaut werfen. Folgendermaßen erscheinen die gleichlangen, vertikalen Linien in unterschiedlichen Längen bzw. Größen. Dies ist Ergebnis eines komplexen Verarbeitungsprozesses, der zur Orientierung in der Umwelt dient.


„Menschen sind wie Esel. Beschränkt und begriffsstutzig. Und so leichtgläubig. Ich gehe lieber vorweg, als hinterher zu trotten.“

So beschreibt es Manuel Bogner, Reporter eines Onlinemagazins. Denn auch im Alltag denken wir, frei zu entscheiden, dabei steuern uns unbewusste Effekte. Im sogenannten „Third-Person-Effekt“ denkt man daher, alle anderen Mitmenschen seien anfällig für von außen kommende Einflüsse, nur man selbst nicht. Die Selbstwahrnehmung spielt eine wichtige Rolle. Man achtet zu sehr darauf, was man tut, etwa wenn man stolpert oder ein schmutziges Oberteil an hat. In den meisten Fällen ist diese Wahrnehmung übertrieben, man hat nur Angst, einer anderen Person könnte dies auffallen. Man spricht vom „Spotlight-Effekt“. Ein weiterer Punkt ist der „Zuschauereffekt“. Passiert ein Unfall und viele Passanten sind vor Ort, passt man sich diesen an, obwohl man helfen wollte. Es entsteht Angst, panisch oder gar hysterisch auf Leute zu wirken.


Auch das Verhalten in Hierarchien ist auffällig. Hier werden Signale anderer Gruppenmitglieder gedeutet und das folgende Verhalten beeinflusst. Stellt das ranghöchste Männchen einer Schimpansengruppe, auch „Alpha-Tier“ genannt, etwa seine Nackenhaare auf, so antworten rangniedrigere Tiere, in der Regel, mit einer Demutsgebärde. Auch die unterschiedlichen Aufgaben von Mann und Frau sind auf ein direktes Erbe des Homo sapiens zurückzuführen.


Weitere Beeinflussungen des Gehirns sind etwa die verzögerten Belohnungen als Antwort auf Motivation. Denn was motiviert einen „Workaholic“ bis tief in die Nacht am Schreibtisch zu arbeiten oder was motiviert eine Nachwuchspolitikerin, wohl angemerkt auf ehrenamtlicher Basis, jedes Wochenende Plakate zu kleben und Säle herzurichten? Sie könnten auf Partys gehen und Menschen kennenzulernen. Eines haben diese Verhaltensweisen gemeinsam: Die Hoffnung auf eine verzögerte, aufgeschobene Belohnung. Sie warten auf eine besonders intensive Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu einem späteren Zeitpunkt, wie mehr Gehalt, Mitspracherecht oder einen besseren Status. Jeder leistet diese zeitlichen Investitionen in die Zukunft - ohne dies wäre eine geordnete Gesellschaft undenkbar, denn niemand würde unbeliebte Aufgaben übernehmen wollen.


Auch mit der Angstwahrnehmung wird gespielt. Denn Angst ist nicht objektiv, sondern von Gefühlen leitbar. Ein Präsentator heizt eine Versammlung an, etwa bei einer Firmenveranstaltung mit einem Motivationstrainer. Bekanntlich lähmt die Angst das logische Denken. Je intensiver die Technik genutzt wird und mögliche Konsequenzen aufgezeigt werden, desto mehr Druck entsteht, obwohl man sich eventuell nicht in dieser überspitzten Situation befindet. Die geforderten, neuen Arbeitsweisen sollen eine Chance zur Befriedigung darstellen.


Auch ein Arbeiter, der männliche Küken aussortieren muss, wird von seiner Angst manipuliert. Er hat Angst vor einer möglichen Entlassung, auch wenn er sich im Klaren darüber ist, was seine Arbeit moralisch bedeutet. Also hinterfragt er seinen Job nicht weiter und ertastet die Küken auf Männlichkeit. Da die Geschlechtsmerkmale nach dem Schlüpfen nicht sichtbar sind, kann es sogar passieren, dass ein falsches Küken aussortiert und getötet wird. Da der Arbeiter Auseinandersetzungen mit dem Chef entgehen will, nimmt er seine Fehlentscheidungen ebenso hin und gewöhnt sich an die missliche Lage.


Das Gedächtnis besteht aus Nervenbindungen, die dann ein neuronales Muster (Datenautobahnen) bilden. Später ist es entscheidend, in welchem Teil die Informationen gespeichert werden.


Mit ständigem Wiederholen, zum Beispiel von Vokabeln, sind diese Informationen im Langzeitgedächtnis abrufbar. In der Radio- und Fernsehwerbungindustrie wird diese Funktion des Gedächtnisses animiert. Je öfter man die Spots hintereinander abspielt, umso eingängiger werden sie. Besonders betrifft dies Personen mit wenig oder gar keinem Selbständigkeitsdrang. Sie prägen sich die Spots ein und das ist das Ziel dieser Art von Manipulation. Des Weiteren merkt sich der Mensch Schlagwörter wie „super billig“ oder „fantastisch weiß“. Zudem werden Fremdwörter verwendet, die unzureichend definiert sind. Man entwickelt seine eigene Vorstellung und bekommt dadurch Intelligenz simuliert. Hier wird Unverständnis ausgenutzt und wichtige Zusatzinformationen werden bewusst verschwiegen. Zusätzlich bestätigen bekannte und berühmte Persönlichkeiten die Tauglichkeit oder das Wohlbefinden, wenn man dieses Produkt erst einmal erworben hat.


Auch die Sinne sind Ziel einer Manipulation.

Mit dem Auge hat man die Welt im Blick. Es funktioniert wie eine Kamera und aus beiden Bildeindrücken von den Augen wird eine räumliche Vorstellung der Umwelt geschaffen.

Dies nutzt die Lebensmittelindustrie aus, frei nach dem Motto: „Das Auge isst mit“. So schmeckt Vanillepudding plötzlich nach Schokolade, obwohl nur braune Lebensmittelfarbe enthalten ist. Im Supermarkt wird das Licht so platziert, dass Obst oder Gemüse frisch und knackig wirkt, in Werbeprospekten werden Lebensmittel extra platziert oder gar poliert.

Die Zunge, unser Geschmacksorgan, ist ein beweglicher Skelettmuskel mit 10.000 Geschmacksknospen. Diese Knospen sind Zellhaufen mit zahlreichen Rezeptoren für die Erkennung von chemischen Substanzen. Man unterscheidet in vier Hauptgeschmacksgruppen: süß, sauer, salzig und bitter. Die Geschmacksempfindungen greifen hierbei auf erlernte und angeborene Fähigkeiten zurück. Kinder mögen Süßes, während sie Saures oder Bitteres ablehnen. Die Vorliebe ist biologisch erklärbar: Der Geschmack gibt Auskunft über die Essbarkeit von Nahrung. Süßes ist fast nie giftig, enthält Zucker und ist somit ein potenzieller Energielieferant, Bitteres dagegen oft verdorben oder giftig. Es handelt sich somit um einen Schutzmechanismus.

Diese Geschmacksvorlieben sind genauso beeinflussbar. Schmeckt man bestimmte Richtungen öfter, so speichert man diese Geschmäcker ab und zukünftig werden sie gemocht.

Die Nase, das Geruchssinnesorgan, kann tausende von Duftstoffen wahrnehmen und unterscheiden, wie fruchtig oder würzig. Die Gerüche aktivieren die Riechzellen, auf denen Nervenzellen mit feinen Riechhärchen liegen.

Wie ferngesteuert, verbinden wir unangenehme Gerüche mit starken Emotionen. Menschen mit unangenehmem Körpergeruch wirken sofort unsympathischer. Umgekehrt nutzt die Parfumbranche diese Denkweise aus. Sie lebt seit vielen Jahren von angenehmen Düften, die angeblich attraktiver machen sollen, wenn man sie aufträgt.

Geschmacks- und Geruchssinn arbeiten jedoch auch eng zusammen. Die Nase nimmt die chemischen Substanzen aus der Luft auf oder Nahrung wahr. Die Zunge nimmt die dazugehörigen Geschmacksrichtungen wahr. Es entsteht ein Zusammenspiel und der Geschmack wird gedeutet.

Reporter der „BILD Zeitung“ und Wissenschaftler haben ein Experiment gewagt. Sie haben zwei Testpersonen Limonade mit gleichem Zuckeranteil zum Trinken serviert. Da eine Limonade rötlich gefärbt war, wurde diese als deutlich süßer empfunden. Hier spielt ein Signal vom Hirn die entscheidende Rolle: Bunte Speisen oder hier Getränke, sind nach Erfahrungswerten süßer.

Manipulation im Alltag ist, zusammengefasst, auf jeden Fall möglich. Sie nimmt Einfluss auf unseren Körper, meist die Sinnesorgane, die zuständig für Aufnahme und Wahrnehmung sind. Ob nun bemerkt oder unbewusst, jeder Mensch kann, mit ein bisschen Aufmerksamkeit, die Ausweitungen spüren und wahrnehmen. Hört man den Begriff, so verbindet man ihn zuerst mit negativen Assoziationen, also Verknüpfungen, wie Werbespots oder den Geschehnissen in einer Diktatur, beispielsweise im Dritten Reich, also zur Zeit Hitlers, wo eine ganze Massenmanipulation stattgefunden hat und mit den Gefühlen der Einwohner erheblich gespielt wurde. Man denkt an eine entstehende Unselbstständigkeit und den Verlust, Aussagen zu hinterfragen sowie eine volle Hingabe an ein bestimmtes System, also eine extreme Form der Demutshaltung, wie in der Welle sichtbar ist, oder an einen Auftrag, der ohne Rücksicht auf Mitmenschen ausgeführt wird, wie die Vernichtung der Juden. Andererseits wird ein bestimmter Grad von Manipulation im Alltag benötigt, um Menschen einen Antrieb zu verleihen. Durch die entstehende Motivation kann man das Wirtschafssystem eines Staates voranbringen. Jedoch muss der Begriff Manipulation stets mit Vorsicht geachtet werden. Schnell verfängt man sich in seiner Lage und findet nicht mehr hinaus, wie Lehrer Ross, aber auch den manipulierten Menschen kann sie erheblichen Schaden zufügen. Ihr Sinnessystem wird erheblich geschwächt und eine große Menge an Beeinflussung kann bis hin zur Naivität führen. Natürliche Reflexe oder Verhaltensmuster, wie Flucht vor Gefährlichem, sind zurückgefahren oder schalten sich vielleicht ganz ab!


Annalena

Es handelt sich bei diesem Text um eine abgeänderte Form eines Essays aus dem Deutschunterricht des letzten Schuljahres.

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