„Ohne menschliche Verbindungen ist Wissen so gut wie nichts“ - auf der Abiturzeugnisvergabe

„Es lag wie ein Berg vor uns.“ – So beschrieb es unsere Schulleiterin rückblickend, als feststand, dass uns die Pandemie wohl noch einige Zeit begleiten würde. Das zweite Jahr infolge musste nun ein Jahrgang sein Abitur unter pandemiebedingten Einschränkungen ablegen. Als ich mich auf der Zeugnisvergabe mit zwei Abiturientinnen unterhielt, erzählten mir diese, wie surreal die ganze Situation anfangs gewesen sei und dass sie niemals mit einem

solch starken Ausmaß gerechnet hätten.


"Es war eine harte Zeit."

Marit, Q4


Da sie aber bei den Schulöffnungen bevorzugt wurden, hätten sie sich trotz allem gut vorbereitet gefühlt, denn die Auswirkungen seien eher im Privaten zu spüren gewesen, da große Geburtstage ausfallen mussten und vielen Hobbys nicht mehr nachgegangen werden konnte. Aber auch, wenn all diese Dinge sicherlich nicht allzu viel dazu beigetragen haben, den Abiturient:innen eine sorgenfreie Zeit zu bescheren, haben mich viele ihrer Antworten überrascht: Ich hätte zwei Schülerinnen erwartet, welche kaum aufhören können, sich über die letzten eineinhalb Jahre zu beschweren. Stattdessen aber hatte ich den Eindruck, dass sich die zwei in Bezug auf die Schule eindeutig nicht im Stich gelassen gefühlt haben. Durch den in der Vorbereitung auf das Abitur ständig anhaltenden engen Kontakt zu den Lehrkräften, seien sie ganz gut zurechtgekommen. Der Eindruck meinerseits deckte sich auch mit der Aussage von Frau Amlung, die mir versicherte, dass man die schulischen Defizite in den unterschiedlichen Jahrgängen wieder aufholen werde. Das Problem seien eher die fehlenden sozialen Kontakte gewesen, die ja schließlich auch zum Schulleben dazugehören würden. „Es geht immer nur um schulische Defizite. Die anderen Dinge – die verpassten Chancen dieser Jugendzeit und die Möglichkeiten dieser Lebensphase – die sind vorbei und diese Zeit kommt nicht wieder“ sagte sie und traf mit dieser Beschreibung wohl genau das, was sich viele von uns schon so oft gedacht haben werden.


Gleichzeitig lobte sie aber auch das Durchhaltevermögen der Lehrkräfte, welche das Beste aus der Situation gemacht und die nötigen Entscheidungen der Schulleitung trotz des höheren Arbeitsaufwandes immer gut umgesetzt hätten. Denn vor allem die Hygienepläne und zahlreichen Erlasse des Kultusministeriums, die kurzfristig umgesetzt werden mussten, hätten an den Kräften aller gezehrt.


"Ich habe fast nur noch für die Schule gelebt."

Frau Amlung


Auch die Abiturientinnen bestätigten, dass es zwar sicher Unterschiede in der Umsetzung des Unterrichts gegeben habe, da dies auch von der Medienkompetenz der verschiedenen Lehrkräfte abhängig gewesen sei, sie es jedoch alle im Großen und Ganzen gut gemeistert hätten. Gerade die kurzfristigen Beschlüsse des Kultusministeriums seien aber nervig gewesen, da sich immer wieder Dinge änderten und man sich nie sicher sein konnte, ob die heute geltenden Regelungen auch noch am nächsten Tag ihre Gültigkeit haben würden.

Ihre Gültigkeit haben aber auf jeden Fall die zwölf Jahre in der Schule, die nun hinter ihnen liegen. In der Abschlussrede erinnerte sich der Jahrgang selbst daran zurück, wie sie – damals noch mit ihren Zuckertüten in der Hand – sorgenfrei eingeschult wurden. Als sorgenfrei kann man die letzten Jahre wohl nicht mehr bezeichnen und trotz allem halten nun 64 Schüler:innen ihr ganz eigenes Zeugnis in der Hand.


Das Motto des Abends war die diesjährige Fußball EM und so wurde nach und nach der Ball von der „Schiedsrichterin“ über die „Verbandsmitglieder“, vom „Trainerstab“ und dem „Spielerrat“ bis hin zu den wichtigsten Personen des Abends – den „Spielerinnen und Spielern“ – weitergespielt. Und mit einem Durchschnitt von 2,16 waren sie sogar etwas besser als die Schülerinnen und Schüler des letzten Jahres, was natürlich gefeiert werden musste. Dass ein toller Abiturdurchschnitt aber nicht alles ist, betonte unser Bürgermeister:


"Ohne menschliche Verbindungen ist Wissen so gut wie nichts."

Christian Grunwald


Ein Satz, der wohl in dieser Zeit von einer noch viel größeren Bedeutung ist und der mich dazu gebracht hat, nun nicht noch einmal jede einzelne Auszeichnung aufzuzählen und die besten Abiturnoten nennen zu wollen, die sich im Endeffekt sowieso niemand merken würde. Das liegt nicht daran, dass ich diese hervorragenden Leistungen nicht würdigen möchte, sondern daran, dass es am Ende etwas viel Wichtigeres gibt, was man aus der Zeit der letzten Jahre mitgenommen haben und auch in Zukunft bei sich tragen sollte. Und das aufgeführte Schauspiel der Tutoren und Tutorinnen machte dies nochmal deutlich: Courage – Optimismus – Reife – Orientierung – Neugier – Ausdauer. All diese Dinge sind es doch, die nicht nur für die Abiturientinnen und Abiturienten, sondern für uns alle so viel bedeutungsvoller sind als reines Wissen. Dabei möchte ich besonders den Punkt der Courage und den der Ausdauer hervorheben, ohne die wir die letzte Zeit nicht hätten durchstehen können. Denn es war die Courage und die Ausdauer, die uns dazu gebracht haben, auf Dinge zu verzichten.


"Und dieser Verzicht hat Leben gerettet."

Karina Fissmann - Mitglied des hessischen Landtags



Mit dieser Anerkennung ist es also nun an der Zeit jedes einzelnen Spielers und jeder einzelnen Spielerin, das Spielfeld zu verlassen und ein ganz eigenes Spiel zu kreieren. Denn nun sind sie es, die verantwortlich dafür sind, die Werte, welche ihnen in der Schulzeit nahegelegt wurden, nicht zu vergessen, sondern weiterzutragen, um eine Zukunft zu bewältigen, in der sicher noch viele Berge vor uns allen liegen werden.


Johanna

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