Politische Fragen: Schülerinnen und Schüler reden Klartext

Schülerinnen und Schüler beziehen konkret Stellung zu aktuellen politischen Streitfragen.


Klimawandel, soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung – wichtige Sachthemen im aktuellen Wahlkampf zur Bundestagswahl gäbe es zur Genüge. Doch teilweise entsteht der Eindruck, dass es stattdessen überwiegend um die Spitzenpolitiker:innen der Parteien und deren Fehler, wie Plagiatsvorwürfe oder Ungenauigkeiten im Lebenslauf, geht. In Fernsehformaten, in denen Moderatorinnen und Moderatoren, aber auch Bürgerinnen und Bürger den Kandidierenden auf den Zahn fühlen wollen, werden dann mitunter auch Sachthemen und Konzepte für die Zukunft Deutschlands erläutert. Und doch hatte man als Zuschauer:in nach manchen Antworten der Politiker:innen das Gefühl, dass nur vage und keine konkreten Aussagen getroffen wurden. Vor allem bei Fragen, bei denen sich die Politikerinnen und Politiker für „Ja“ oder „Nein“ entscheiden mussten, wurden meistens nicht mit nur einem Wort, sondern in mehreren Sätzen beantwortet. Sicherlich gibt es Fragen, die nicht mit einem einzigen Wort beantwortet werden können – trotzdem ist es die klare Positionierung eines Politikers oder einer Politikerin, die eine solch konkrete Antwort interessant macht.



Meinungsstark, aber bitte anonym


Auch wir wollten klare Antworten sammeln – und zwar von den Schülerinnen und Schülern der JGS. Wir wählten dazu anhand des Projektes „Deutschland spricht“, das von ZEIT ONLINE initiiert und mittlerweile auch von anderen Tageszeitungen übernommen wurde, aktuelle politische Streitfragen aus. Zunächst planten wir dazu als Redaktion kurze Videostatements von Schülerinnen und Schülern der Oberstufe. Doch die Resonanz aus der Schülerschaft war so gering, dass wir uns für ein anderes Vorgehen entscheiden mussten. Die Jugendlichen, die mit uns sprachen, verdeutlichten uns, dass viele von ihnen vor allem bei politischen Positionierungen anonym bleiben wollen würden und auch nicht unbedingt vor der Kamera sitzen wollten. Aus diesem Grund weiteten wir die Umfragen auf unseren Instagram-Account aus, auf dem uns mehr als 360 Menschen, darunter überwiegend Schüler:innen, aber auch Lehrkräfte oder andere an unserer Arbeit interessierte Menschen folgen. Mehr als 50 von diesen nahmen an unserer kurzen Umfrage teil und positionierten sich klar zu einzelnen politischen Fragen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten auch noch kurze Begründungen zu ihren Entscheidungen hinzufügen. Selbstverständlich ist diese Umfrage nicht repräsentativ.



Frage 1: Ist Deutschland durch Einwanderung unsicherer geworden?


In Kriminalstatistiken finden sich zwar tendenziell erhöhte Anteile unter Migrantinnen und Migranten – eine „einfache Formel für Zusammenhänge zwischen Migration und Kriminalität“ gebe es jedoch nicht. „Zu vielfältig sind die damit verbundenen Lebenslagen und Kriminalitätsphänomene“, schreibt Dr. Christian Walburg, Forscher am Institut für Kriminalwissenschaften der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster zum Thema Migration und Kriminalität.

Insgesamt 55 Personen stimmten in unserer Umfrage ab: 18 davon (33%) sind der Ansicht, dass Deutschland durch Einwanderung unsicherer geworden sei, 37 (67%) sind nicht dieser Ansicht.


Meiner Meinung nach birgt das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen immer Risiken, aber man darf natürlich nicht alle Menschen über einen Kamm scheren.
Allgemeine Unsicherheit kann man nicht allein auf Einwanderung zurückführen. Das wäre rassistisch.


Frage 2: Sind Frauen und Männer in Deutschland gleichberechtigt?


Die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern spielt in nahezu jedem Parteiprogramm eine mehr oder weniger große Rolle. Auf die Frage, ob Frauen und Männer in Deutschland gleichberechtigt sind, ergab sich ein ziemlich klares Meinungsbild: Von 62 Teilnehmer:innen stimmten 10 (16%) für „Ja“, 52 (84%) dagegen für „Nein“.


Theoretisch ja (laut Grundgesetz), aber in der Realität gibt es zu viele Ungerechtigkeiten. Es gibt auch Bereiche, wo Männer benachteiligt werden.


Frage 3: Sollte Benzin stärker besteuert werden?


Im Wahlkampf und auch schon in der Zeit davor wurde bereits so mancher Schlagabtausch zur Erhöhung der Benzinpreise diskutiert. Durch die CO2-Bepreisung seit Anfang 2021 stieg der Benzinpreis pro Liter um etwa 7 Cent, der Dieselpreis um etwa 7,9 Cent. Besonders bei dieser Frage gingen die Meinungen stark auseinander: Von 57 Personen stimmten 26 (46%) für eine stärkere Besteuerung, 31 Personen (54%) stimmten dagegen.


Klimaschutz muss sozial verträglich sein. Erst sollte man den ÖPNV ausbauen, viele Menschen auf dem Land sind auf ihr Auto angewiesen.


Frage 4: Sollte Deutschland mehr Menschen aus Afghanistan aufnehmen?


Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan nimmt Deutschland ehemalige Ortskräfte und andere "potenziell gefährdete Menschen" auf. 71% (39 von 55 Personen) stimmten dafür, mehr Menschen aus Afghanistan aufzunehmen, 29% (16 Personen) stimmten dagegen.


Die Ortskräfte haben uns in Afghanistan unterstützt, außerdem müssen wir bedrohte Personengruppen, wie Frauenrechtsaktivist*innen und Journalist*innen aufnehmen.
Insofern die Kapazitäten dafür da sind, sollte man es zumindest in Erwägung ziehen, noch Leute aufzunehmen. Man kann sie jetzt nicht irgendwo sitzen lassen.
Es gibt eben viele Menschen, die den Deutschen beigestanden haben: Dolmetscher zum Beispiel oder Personen, die medizinische Versorgung geleistet haben.


Frage 5: Sollte es eine Impfpflicht (Corona) für Erwachsene geben?


Italien schreibt den Arbeiterinnen und Arbeitern im privaten und öffentlichen Bereich eine Impfung gegen das Corona-Virus oder ein negatives Testergebnis vor; Menschen, die im französischen Gesundheitswesen oder bei der Feuerwehr tätig sind, müssen gegen das Corona-Virus geimpft sein; Auch in Deutschland wird häufiger über die sogenannte 2G-Regel diskutiert, in einigen Bundesländer haben Betreiberinnen und Betreiber etwa in der Gastronomie, der Kultur, bei Veranstaltungen oder dem Sport die Option, die 2G-Regel anzuwenden. 17 Personen (28%) stimmten in unserer Umfrage für eine Impfpflicht, 44 Personen (72%) waren dagegen.


Wir brauchen keine Pflicht, sondern mehr Anreize und Überzeugung. Nur mit der Impfung bekommen wir die Pandemie unter Kontrolle.
Einerseits wäre es gut, wenn sich jeder oder möglichst viele impfen lassen. Das wäre definitiv besser, da wir dann die Pandemie besser eindämmen könnten. Andererseits wäre es Körperverletzung und das geht auch wieder nicht.
Meiner Ansicht nach entscheiden sich diejenigen, die sich nicht für die Impfung entscheiden, für eine Infektion. Man hat also die Wahl zwischen Impfung und Infektion. Es braucht also keine Impfpflicht.


Frage 6: Sollten Inlandsflüge verboten werden?


Auch über ein mögliches Verbot von Inlandsflügen in Deutschland wurde schon einige Male diskutiert. In Frankreich wurden in diesem Jahr Kurzstreckenflüge verboten, wenn eine Zugverbindung besteht, mit der das jeweilige Ziel innerhalb von zweieinhalb Stunden erreicht werden kann. Von 56 Personen sprachen sich 36 (64%) für ein Verbot von Inlandsflügen in Deutschland aus, 20 Personen (36%) stimmten dagegen.


Es ist einfach eine unnötige Umweltbelastung, der ÖPNV ist sehr gut.
Nur, wenn die Nutzung der Bahn billiger wird und auf deren Pünktlichkeit Verlass ist.
Es sollte kein Verbot geben, die Bahn und andere Verkehrsmittel müssen stattdessen attraktiver werden. Inlandsflüge müssen außerdem teurer werden.
Ich bin eigentlich dafür, aber das Bahnnetz müsste ausgebaut werden und die Bahn müsste verlässlich sein.
Man müsste dafür mit der Bahn schneller, verlässlicher und auch häufiger von A nach B kommen können.


Frage 7: Sollte das Wahlalter zur Bundestagswahl auf 16 Jahre gesenkt werden?


Nachdem das aktive Wahlalter von 21 auf 18 Jahre gesenkt wurde, dürfen seit 1972 in Deutschland Menschen ab 18 Jahren an Bundestagswahlen teilnehmen. In Artikel 38, Absatz 2 des Grundgesetzes steht: „Wahlberechtigt ist, wer das achtzehnte Lebensjahr vollendet hat (…).“ Im Mai diesen Jahres hat der Bundestag einen Gesetzesentwurf der Grünen, welcher ein weiteres Herabsetzen des Wahlalters auf 16 Jahre beinhaltete, zurückgewiesen. Dies war eine Entscheidung, die speziell uns Jugendliche betrifft und weshalb auch der PoWi – Orientierungskurs unserer E-Phase über diese Frage diskutiert hat. Dabei sprachen sich vier von sechs eingereichten Statements gegen eine solche Herabsetzung aus:


Ich persönlich finde, dass das Wahlalter nicht auf 16 Jahre gesenkt werden sollte, da ich denke, dass ein Großteil der Jugendlichen nicht informiert oder interessiert genug ist, um eine mit gutem Gewissen zu wertende Stimme abzugeben. Zusätzlich kann ich mir vorstellen, dass besonders in diesem Zeitalter die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche von sozialen Medien beeinflusst und manipuliert werden, zu hoch ist, um das Wohl unseres Landes aufs Spiel zu setzen.
Nein, weil Jugendlichen hiermit zu viel Verantwortung auferlegt wird und sie keine Erfahrung bei Wahlen haben. Ich würde sie erstmal nur bei Kommunalwahlen und Europawahlen ab 16 Jahren wählen lassen, um Erfahrung zu sammeln.
Insgesamt vertrete ich die Position, dass man das Wahlalter nicht auf 16 Jahre herabsetzen sollte. Da Jugendliche nicht die notwendige Reife und das Verantwortungsbewusstsein besitzen, eine Wahlentscheidung zu treffen. Zudem lassen sie sich einfacher als Erwachsene zu einer Wahlentscheidung manipulieren.
In der Debatte, ob das Wahlalter gesenkt werden sollte, bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass die Demokratie positiv bereichert werden würde, wenn das Mindestalter für Wahlen gesenkt wird. Als schwerwiegendstes Argument sehe ich, dass heute über die Zukunft von morgen entschieden wird.
Ja, das Wahlalter sollte gesenkt werden, da auch unsere Meinung im Bundestag vertreten werden sollte. So könnte man Politik noch besser in den PoWi Unterricht integrieren.
Nein, weil es trotzdem viele Jugendliche gibt, die sich nicht genug mit der deutschen Politik beschäftigt haben. Man sollte sie nicht mit Halbwissen oder aus Spaß wählen lassen.


Keine dieser Meinungen ist falsch, da sie immer einer individuellen Einstellung entsprechen. Wir wollen junge Menschen dazu ermutigen, ihre Meinung auch zu politischen Themen zu äußern – denn eure Meinung zählt!

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