The future is equal

Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es an einigen Stellen um Suizid, Sexismus und sexuelle Belästigung. Bei manchen Menschen können diese Themen negative Reaktionen auslösen – wenn Du Dich mit den Themen unwohl fühlst, lies diesen Artikel lieber nicht oder zumindest nicht allein. Hilfsangebote kannst Du am Ende des Artikels finden.

"Ich würde mich schon als Feministin bezeichnen..."

Stille.

Komische Blicke.

Verständnislosigkeit.

Das waren einige der Reaktionen, als ich mich als Feministin "geoutet" habe - denn der Begriff "Feminismus" scheint teilweise immer noch ziemlich verpönt zu sein. "Die rasieren sich nicht. Die sind ja alle lesbisch. Die hassen doch nur die Männer!" Reaktionen wie diese haben mich zugegebenermaßen ziemlich verärgert. Und als man mich dann noch fragte, warum man heute überhaupt noch Feminismus brauche, wenn Männer und Frauen doch eh schon längst gleichberechtigt wären, konnte ich nur noch mit dem Kopf schütteln: Schließlich brauchen wir Feminismus auch noch heute - denn dieser Begriff ist alles andere als eben jene stereotype Vorstellung.



Vom Frauenwahlrecht bis zum Verbot des "Upskirtings"


Vielleicht wird Feminismus in der heutigen Zeit gerade in einem modernen Land nicht mehr eine solch wichtige Bedeutung haben, wie es im letzten Jahrhundert der Fall gewesen war: Denn erst vor etwas mehr als 100 Jahren wurde auch das Wahlrecht für Frauen eingeführt - im Gegensatz zu den Männern, die bereits schon seit 1849 wahlberechtigt waren, kämpfte die Frauenrechtsbewegung von dort an weiter für das Frauenwahlrecht, bis es im Jahre 1918 endlich zur Realität wurde.

Das hieß aber keineswegs, dass Frauen und Männer ab sofort gleichgestellt waren. Der Kampf der Frauenrechtsbewegung ging weiter: Es ist unfassbar, dass seit gerade einmal 24 Jahren die Vergewaltigung in der Ehe einen Strafbestand in Deutschland darstellt. Im Bundestag wurde zu diesem Gesetzesentwurf mehr als 20 Jahre diskutiert - als 1983 eine Abgeordnete der Grünen in ihrer Rede die Frage stellt, ob Vergewaltigung in der Ehe in das Strafgesetzbuch aufgenommen werden sollte, antwortete ein Abgeordneter der FDP entschieden mit "Nein", woraufhin Gelächter in Bereichen des Bundestages ausbrach (Video).

Und auch erst im vergangenen Jahr wurde beschlossen, dass "Upskirting", also das heimliche Fotografieren unter den Rock oder in den Ausschnitt, künftig eine Straftat ist. Man sieht also, dass es auf der gesetzlichen Ebene noch Feminismus braucht - doch auch in unserer Gesellschaft benötigt es weiterhin diese Bewegung, um starre Geschlechterbilder zu beseitigen.


Feminismus für alle


Allerdings steht der Begriff "Feminismus" für eine deutlich vielschichtiger Bandbreite an Ansichten - es gibt also nicht den einen Feminismus. Auch hier gibt es natürlich solche, die extremere Vorstellungen vertreten und diese auf eine eher radikale Art und Weise durchsetzen wollen. Allerdings können sich bei manchen Themen die Ansichten auch widersprechen: Die einen Feminist:innen setzen sich beispielsweise dafür ein, dass Musliminnen ihre Religion frei ausüben und ein Kopftuch tragen dürfen, während andere Feminist:innen wiederum der Auffassung sind, dass die Frauen von Männern dazu gezwungen werden würden.

Wir als Redaktion versuchen dabei, uns für den Intersektionalen Feminismus einzusetzen: Das bedeutet, dass wir uns gegen Diskriminierung in jeglicher Hinsicht aussprechen und uns für die Gleichstellung von allen Menschen stark machen. Dabei geht es also nicht ausschließlich um die Gleichstellung von Männern und Frauen aus der weißen Mittelschicht, sondern zum Beispiel auch um die (Selbstbestimmungs-)rechte für Menschen anderer Herkunft oder unterschiedlichster Sexualität - es geht also um gleiche Rechte für alle. Frauenrechte sollen deshalb nicht über die Rechte anderer gestellt werden, denn jeder Mensch hat den gleichen Wert und somit auch das Recht darauf, den gleichen Respekt entgegengebracht zu bekommen.



„Was hattest du an?“


Einer der ersten Punkte, an den man vermutlich bei dem Wort „Feminismus“ denkt, ist der Kampf gegen sexuelle Belästigung, die überwiegend Frauen trifft. Lüsterne Blicke in der Öffentlichkeit, dumme Sprüche oder ungewolltes Anfassen - das sind Dinge, die 43% der Frauen schon einmal erlebt haben (Quelle).


Das Problematische ist aber oft zusätzlich noch die Tatsache, dass den Opfern eingeredet wird, sie seien selbst daran schuld, sexuell belästigt worden zu sein. Die Opfer werden also hier zu "Täterinnen" gemacht, obwohl sie keine Schuld tragen - das bezeichnet man als Victim blaming.

Die Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf haben zum Thema der sexuellen Belästigung und dem damit verbundenen Victim blaming einen sehr aufschlussreichen Beitrag veröffentlicht, der nur weiterempfohlen werden kann. Denn niemand hat das Recht, jemand anderen sexuell zu belästigen – ganz egal, welche Kleidung er oder sie trägt.


Sexuelle Belästigung betrifft jedoch nicht nur Frauen, denn auch 12% der Männer waren bereits von sexueller Belästigung betroffen.



Lisa sehr gut; Max mangelhaft


Zudem leiden auch Männer stark unter der Ungleichbehandlung aufgrund ihres Geschlechts: An den Schulabschlüssen erkennt man bereits, dass mehr Mädchen einen höheren Bildungsabschluss erreichen, während Jungs häufiger ohne Abschluss oder mit einem Hauptschulabschluss die Schule verlassen (Quelle).

Mädchen schneiden zudem in den sprachlichen Fächern besser ab, während Jungs aber in den MINT-Fächern bessere Leistungen erzielen. Es gibt zwar biologische Unterschiede, die dies erklären - das Gehirn reift bei Mädchen früher, wodurch sie einen Vorteil in den Sprachen haben, während Jungs eher im räumlichen Denken vorn liegen - jedoch sind diese Unterschiede nicht so groß, dass sie direkt zu unterschiedlichen Leistungen führen müssen. Viel entscheidender sind wiederum soziale Aspekte: Dass Jungen schlechtere Abschlüsse machen, liegt nicht daran, dass sie weniger intelligent sind, sondern ein anderes Verhalten als Mädchen aufweisen. Denn im Gegensatz zu Mädchen stören diese eher den Unterricht oder machen seltener Hausaufgaben – solche Verhaltensweisen werden ihnen nämlich oft im Laufe ihrer Entwicklung durch das soziale Umfeld vorgelebt, weshalb sie diese als typisch männliche Verhaltensweisen wahrnehmen und sich zum Vorbild nehmen. So könnten diese in unseren Köpfen verankerten Bilder auch dazu führen, dass Jungen unbewusst schlechter benotet werden, da sie für eine bestimmte Note mehr Leistung als Mädchen erbringen müssen, um diesem Bild entgegenzuwirken.



Tödliche Geschlechterrolle


Nicht nur in der Schule, sondern auch für den weiteren Verlauf des Lebens werden ihnen durch Normen in der Gesellschaft Verhaltensweisen vorgelebt, die einen angeblich „echten Mann“ auszeichnen. „Ein Mann sollte stark sein, er sollte sich selbstbewusst verhalten und bloß keine echten Emotionen zeigen.“ Dieses bestimmte durch die Gesellschaft geprägte Bild von "Männlichkeit" wird auch als "Toxische Männlichkeit" bezeichnet und äußert sich unter anderem durch ein geringes Einfühlungsvermögen, Aggressivität oder etwa durch Konkurrenzgedanken. Manche Männer fühlen sich zum Beispiel angegriffen oder auch verunsichert, wenn andere Männer nicht diesem typischen Bild eines "echten Mannes" entsprechen, weil sie sich beispielsweise anders kleiden oder Nagellack tragen. Der Druck, der durch toxische Männlichkeit entsteht, trifft dabei sowohl die Männer selbst als auch die Gesellschaft: Die daraus resultierenden Folgen lassen sich beispielsweise an der Ablehnung anderer Lebensweisen, Homophobie oder einer höheren Suizidgefahr erkennen. Durch die Erwartung, dass Männer allesamt stark sein müssen und keine Schwäche zeigen dürfen, versuchen sie eher, Probleme mit sich allein auszumachen, anstatt sich (professionelle) Hilfe zu suchen und sich jemandem anzuvertrauen, was in extremen Fällen mit einem Selbstmord enden kann. Dies lässt sich auch an der Anzahl der Suizide in Deutschland erkennen, da im Jahr 2019 ab einem Alter von 15 Jahren mindestens doppelt so viele Männer wie Frauen Suizid begingen (Quelle). Selbstverständlich spielen bei solchen Suizidgedanken auch andere Faktoren eine Rolle, aber dennoch ist die "Toxische Männlichkeit" ein Konstrukt, das zu solchen Gedanken führen kann.


Man sieht also, welche immensen Auswirkungen solch starre Rollenbilder in unserer Gesellschaft haben können und dass es an uns allen liegt, daran etwas zu ändern, indem wir uns toleranter verhalten und jede Lebensform akzeptieren sollten.


Vielleicht schreckt man vor dem Begriff "Feminismus" erstmal zurück, da man oft als Erstes dieses stereotype Bild einer Männer hassenden Frau vor Augen hat und vielleicht impliziert der Begriff, dass es nur um Frauen und deren Benachteiligung geht - aber vor allem beim Intersektionalen Feminismus geht es nicht allein um Frauen, sondern um alle Menschen. Es soll also niemand aufgrund seines Geschlechts bevorzugt oder benachteiligt werden - jede:r in unserer Gesellschaft hat es verdient, gleiche Rechte und gleiche Chancen zu haben.


Wir können niemandem vorschreiben, auf diese gewisse Art und Weise zu denken. Wer sich allerdings für mehr Toleranz, Gerechtigkeit und Respekt gegenüber allen Menschen einsetzt, kann sich problemlos als Feminist:in bezeichnen - letztendlich sind wir nämlich alle Feminist:innen, wenn wir uns für eben solche Werte einsetzen.

Johanna und Sophie


Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016

Hilfetelefon Gewalt an Männern: 0800 1239900

Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530

Hilfe bei digitaler Gewalt

Telefonseelsorge: 0800/111 0 111

Mailberatung u25

Jugendnotmail

Beratungsstellen für Menschen mit Suizidgedanken

Hilfe und Informationen zu Depressionen



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