"16,2"

Dieser Artikel ist Teil unserer Klartext-Serie, in der wir über Themen schreiben, die uns alle betreffen und über die wir reden müssen. Dazu nehmen wir gern Deine Erfahrungen, Geschichten und Meinungen auf! Schreib uns einfach.

Als ich neulich mit einer Freundin und ihrem kleinen Bruder im Buggy vor mir schiebend durch die Stadt gegangen bin, wurden mir nach und nach immer wieder entsetzte Blicke zugeworfen. Natürlich war mir sofort klar, dass sich diese abwertenden Blicke auf die Vermutung der Leute bezogen, es sei mein Kind. Es war zwar nicht der Fall, aber trotzdem habe ich den Kopf darüber geschüttelt, wie verklemmt doch manche Personen sein können. Natürlich wäre ich noch sehr jung, um ein Kind großzuziehen - aber abgesehen davon, dass es eigentlich niemanden etwas angeht und es ihrem Bruder sichtbar gut ging, hatte niemand das Recht, darüber urteilen zu dürfen. Aber es ist doch logisch, dass man durch solche Erfahrungen anfängt, sich Gedanken darüber zu machen, wie man sein darf und wie eben nicht, um nicht verachtet zu werden, oder? Selbst wenn es Dinge sind, für die man gar nichts kann:


Auch, wenn mit dem Themengebiet Liebe und Sexualität in den letzten Jahren etwas offener umgegangen wurde, ist es oft immer noch ein Tabuthema, über das man selbst nicht gern spricht - gerade dann, wenn man nicht dem „Durchschnitt“ entspricht: Wenn man eben nicht auf Gleichaltrige des anderen Geschlechts steht. Und es stimmt:

Wer schaut denn nicht erstmal hin, wenn man zwei Männer oder Frauen händchenhaltend durch die Stadt laufen sieht?

Es hat sich schlicht und einfach eingebürgert, Personen, die sich nicht so wie der Großteil verhalten, mit anderen Augen zu betrachten. Dass sich zum Beispiel viele dadurch nicht trauen, ihre eigentliche Sexualität zu zeigen, ist eines der Resultate - auch, wenn es nichts sein sollte, für das man sich schämen muss.


Es gibt aber natürlich auch andere Bereiche, in welchen man sich stark an anderen Menschen orientiert. Es fängt schließlich schon bei den äußeren Merkmalen an und geht bis hin zu den charakterlichen Eigenschaften. Zwar ist uns allen bewusst, dass sich niemand seinen Körper selbst ausgesucht hat und trotzdem ist er eines der ersten Dinge, über welche man als Außenstehender urteilt. Dabei kommt es nicht selten vor, dass Leute auf ihr Äußeres reduziert werden und es als Angriffsfläche genutzt wird, um sie anzugreifen oder zu demütigen. Umso schlimmer ist dabei, dass sich das Selbstbild dieser Person dadurch stark verschlechtern kann und das eigene Selbstwertgefühl heruntergezogen wird, weil ihr eingeredet wird, sie sei nicht gut genug. Immer und immer wieder vergleicht man sich also mit den anderen aus dem eigenen Umfeld:

"Ich bin zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, zu hektisch, zu emotional …"

Gedanken, die bestimmt schon vielen Menschen irgendwann und irgendwo einmal durch den Kopf gingen. Da wünscht man sich doch einfach, man wäre „normal“. Aber was bedeutet es denn überhaupt, "normal" zu sein? Eigentlich hebt sich doch jeder Mensch von den anderen ab - in welcher Weise auch immer. Somit kann dieses „Normal“ doch gar nicht definiert werden.

In unserer Gesellschaft hat sich jedoch im Laufe der Zeit eine bestimmte Vorstellung verankert, die so fest in unseren Köpfen eingebrannt ist, dass man diesen Normen unbedingt entsprechen möchte, um bloß keine Aufmerksamkeit zu erregen.


16,2 - In diesem Alter hat der Gesamtdurchschnitt* unserer Generation sein "erstes Mal". Wahrscheinlich setzen nur wenige andere Zahlen Jugendliche so unter Druck, wie es diese eine Zahl tut und es ist doch erschreckend, wie sehr man sich an solchen Zahlen orientiert - Ja, wie sehr man sich an anderen orientiert. Dabei sagt der Durchschnitt doch überhaupt nichts darüber aus, wann du als Individuum für etwas bereit bist oder nicht.


Natürlich gibt es Standards in unserer Gesellschaft - die gibt es schließlich immer. Aber ist es denn wirklich so schlimm, wenn man mal etwas aus der Reihe tanzt? Am wichtigsten ist doch die Tatsache, mit sich selbst zufrieden zu sein und sich nicht so verstellen zu müssen, um anderen zu gefallen. Verstell dich also nicht, nur um so wenig wie möglich Aufmerksamkeit zu erregen, während du deine eigenen Werte dabei völlig vergisst. Wir dürfen uns nicht verstecken, weil wir in unserer Art nicht dem entsprechen, was die Gesellschaft unter dem Ausdruck „normal“ versteht. Es ist doch viel eindrucksvoller, eine bunte Welt zu haben, in welcher jeder seinen Platz findet und Vielfalt akzeptiert wird.

Johanna und Vanessa

* Quelle





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