Zwischen Präsenz- und Distanzunterricht: unsere Lehrkräfte über die aktuelle Lage

Auch die Lehrkräfte haben uns im letzten Jahr anders erlebt, als es in den Jahren davor der Fall war und natürlich mussten auch sie selbst mit den neuen Herausforderungen umgehen können:


SCHULSTRESS, ZUKUNFTSÄNGSTE, EINSAMKEIT. Während die Generationen zuvor sich relativ frei entfalten konnten beim Fußball oder Tanzen, bei Partys oder bei gemeinsamen Schulprojekten, müssen Kinder und Jugendliche heute Abstand halten, zuhause bleiben und vernünftig sein. Und das permanent und seit Monaten.

Das mit der Corona-Krise verbundene „Social Distancing“ stellt zwar für Menschen aller Altersgruppen eine Herausforderung dar, trifft aber Kinder und Jugendliche meiner Meinung nach besonders hart. Der Kontakt zu Gleichaltrigen in der Schule und der Freizeit spielt nämlich für die soziale, emotionale und kognitive Entwicklung und für die Identitätsbildung bei Kindern und Jugendlichen eine besonders große Rolle. Und genau dieser Kontakte werden sie derzeit größtenteils beraubt.

Beispiel Schule: Der in den Medien bereits vielseitig diskutierte Distanzunterricht, in denen zumindest in Hessen die Schülerinnen und Schüler der Klassen 7-11 auch weiterhin und auf unbestimmte Zeit verweilen, kann selbst bei optimalen Bedingungen, die nur selten anzutreffen sind, den „normalen“ Unterricht nicht adäquat ersetzten. Denn Unterricht ist mehr als Wissensvermittlung. Schule ist mehr als ein Bildungsort. Schule ist nämlich auch Kontakt- und Erlebnisbörse.

Wer als Erwachsener an seine eigene Schulzeit zurückdenkt, der erinnert sich nicht als erstes an Binomische Formeln, die Proteinbiosynthese und die Bildung des Konjunktives, sondern vielmehr an gemeinsame Erlebnisse wie das gemeinsame Bauen einer Eierflugmaschine, die Klassenfahrt, den Abistreich und die Macken bzw. Eigenheiten der Lehrer. Erlebnisse, die so unvergesslich sind, weil sie einen geprägt haben. Die derzeitige Pandemie erschwert aber das Sammeln solcher Erlebnisse enorm und so wird es zu mindestens einen Abiturjahrgang geben, der sich rückblickend nicht an die Oberstufenpartys, die Tutorfahrt, den Abistreich und den Abiball erinnern wird, sondern an Unterricht mit 1,5 Metern Abstand und Maske. (Die ein oder andere Anekdote aus dem Unterricht wird jedoch hoffentlich diese Erinnerungen positiv überlagern.)

Die meisten Schülerinnen und Schüler sehnen sich mittlerweile genau aus diesen Gründen zurück in die Schule, ein Gefühl, das viele wahrscheinlich nicht unbedingt in Bezug auf Schule erwartet hätten!

Auch wenn wir alle die Auswirkungen der Corona-Pandemie zu spüren bekommen, sollten wir uns klar darüber sein, dass nicht alle gleich betroffen sind. Das gilt insbesondere für Schülerinnen und Schüler. Denn wie so oft im Leben gilt: Die ohnehin Benachteiligten bekommen den „Corona-Effekt“ um ein Vielfaches stärker zu spüren als die ohnehin schon Privilegierten (stabiles soziales Umfeld, Vorhandensein einer technischen Grundausstattung etc.).


C. Schmitz (Lehrerin)



Liebe Klartext. - Redaktion,


Ihr habt mich um eine persönliche Einschätzung zur Situation unter den Bedingungen der Corona-Pandemie gebeten. Dieser Bitte komme ich gerne nach.

Zunächst schicke ich vielleicht voraus, dass ich aufgrund meines Unterrichtseinsatzes in den Jahrgängen Q3/4 und R10 in der glücklichen Lage bin, die Schule an mehreren Wochentagen zu besuchen und mir das vollkommene Homeoffice erspart geblieben ist. Allerdings birgt die Kombination von Präsenzunterricht und digitalen Lernsequenzen auch Herausforderungen, da sie beispielsweise zeitlich aufeinander abgestimmt werden müssen. Auch das Pendeln zwischen den Klassenräumen wäre in diesem Zusammenhang zu nennen. Besonders fehlt mir derzeit natürlich der direkte Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern, welche momentan ausschließlich digital unterrichtet werden. Der Wunsch nach persönlichem statt virtuellem Austausch wird daher von Tag zu Tag größer. Neben dem beruflichen wird auch der private Bereich sehr stark durch Corona und die damit einhergehenden Beschränkungen geprägt. So musste beispielsweise im letzten Jahr unser Abiturjubiläum, welches bereits von langer Hand vorbereitet worden war, auf dieses Jahr verschoben werden, wobei derzeit zu vermuten ist, dass es auch 2021 nicht stattfinden kann. Auch andere soziale Kontakte entfallen weitgehend oder werden in den virtuellen Raum verlegt.


Es stellt sich die Frage nach positiven Dingen bzw. Erlebnissen, die es glücklicher Weise auch gibt. Ein Spaziergang durch Feld und Wald, ein gutes Buch oder ein spannender Film gehören sicherlich dazu. Aber auch in der Schule (real und virtuell) gibt es neben der Belastung viele schöne Momente. Ich erlebe Schülerinnen und Schüler, die ihre Aufgaben genauso gewissenhaft erledigen wie im Präsenzunterricht und sich auf unterschiedliche Weise aktiv in die virtuellen Lernsettings einbringen.

Zu hoffen bleibt, dass diese Pandemie schnellstmöglich überwunden wird, wir uns alle wieder auf einen traditionellen Schulalltag freuen dürfen und über Corona nur noch in den Geschichtsbüchern zu lesen ist:)


D. Karpa (Lehrer)



Wir bedanken uns an dieser Stelle bei den Lehrkräften, die uns einen Einblick in ihren Alltag gewährt und so die Situation aus ihrer Perspektive beleuchtet haben.


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